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Taten statt Worte

Nord-Kivu im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Eine Gegend zutiefst geprägt von jahrelangem Krieg. Massaker, Plünderungen, Kannibalismus, massenhafte Vergewaltigungen von Frauen (und immer mehr Männern), Konflikte über Land, Geld, Mitsprache und Einfluss – zum Teil verwurzelt in der Kolonialzeit. Die Gesellschaft ist zerissen, viel Vertrauen wurde enttäuscht, seelische Verletzungen allenthalben.

Ein stimmiges Friedenskonzept hat keiner. Nicht die kongolesische Regierung, nicht die Vielzahl der NGOs, nicht die MONUC, die größte UN-Blauhelmtruppe aller Zeiten. Die Kirchen? Sie sind da, in Massen, kämpfen aber oft selbst mit Konflikten. Sie sind Teil des Systems des Konflikts. Und damit zeigen sich die gesellschaftlichen Probleme auch in den Kirchen. Gerade deshalb haben Kirchen haben aber auch das Potential ein Schlüssel für die Lösung dieser Probleme zu sein.

Ein Beispiel: In weiten Teilen der Bevölkerung herrscht nach den Kriegen und Rebellionen Misstrauen, gar Feindschaft vor gegenüber Ruandern und der großen ruandischstämmigen Bevölkerung im Ostkongo. Der kongolesische Pastor einer Kirche erzählt, wie er zwei ruandische Kinder adoptiert hat, Hutu und Tutsi. Sie wachsen in einem familiären Umfeld auf, wo sie anstatt Ablehnung Annahme erfahren. Und gleichzeitig ist die Familie ein Vorbild: Versöhnung und Einheit wird hier nicht nur verbal bekräftigt sondern gelebt

Eine weitere Begebenheit: Während der Rebellion im letzten Jahr, die viele mit ruandischen Tutsi identifizierten, fanden in vielen Kirchen Friedensgebete statt. In einer Kirche bat man Gott um Vergebung, falls die Führer des Landes in der Vergangenheit Unrecht an den Ruandern begangen hatten. Aus diesem Grund, dass um Vergebung gebeten und die Sache vor Gott bereinigt wurde, sagen die Leiter der Kirche heute, dass sie ihren Kindern das Misstrauen und die Ablehnung gegenüber der ruandischstämmigen Bevölkerung nicht weitergeben werden, die Sache ist erledigt.

Und ein drittes Beispiel: Während der Rebellion 2008 traf sich eine Delegation von Pastoren verschiedenster Kirchen mehrmals mit dem Führer der Rebellenbewegung Laurent Nkunda. Das geschah abseits der offiziellen Friedensverhandlungen unter Leitung der UN. Die Kirchenführer sprachen mit Nkunda eindringlich über die Lage, die Konsequenzen seines Krieges für die Menschen und baten ihn ein Einsehen zu haben.

Die Auswirkungen der genannten Geschehnisse? Schwer zu beurteilen. Aber es macht Mut zu sehen, dass dem Schlimmen, was die Menschen erleben, etwas entgegengesetzt wird. Und dass dort, wo Frieden und Versöhnung durch und mit Gott nicht nur mit Worten sondern auch mit Taten gepredigt wird, Potential besteht, dass aus Senfkörnern starke Bäume des Friedens werden.

dynamis

Kirche. Ein Ort, wo Versöhnung geschieht. Wo Menschen heil werden und inneren Frieden finden. Wo Menschen zu reifen Frauen und Männern nach Gottes Herzen heranwachsen und zu einer zutiefst erfüllenden Identität finden. Ein Ort, wo jeder Mensch Wert und Würde besitzt, nicht nur auf dem Papier. Wo nicht das persönliche Weiterkommen das Maß aller Dinge ist, sondern das Wohl des Anderen. Wo Liebe echt ist und praktisch wird. Wo erfüllende Gemeinschaft gelebt wird. Wo man nicht perfekt sein muss aber gerade deshalb SEIN darf. Ein Ort der Hoffnung.

Traum von einer heilen Welt? Nein, eher von einer heilenden Welt. Unrealistisch, unerreichbar? Mit bloßem Menschenwillen und mit unserem Charakter – ja. Mit der Kraft, der dynamis des Schöpfergottes, dessen Liebe Sprengkraft besitzt all das menschlich-Hindernde, menschlich-Zerstörende zu verändern und zu überwinden – nein. Tatsächlich ist es mit ihr unrealistisch hier von Unrealismus und Träumerei zu sprechen. Denn auch wenn es bruchstückhaft und unvollkommen ist – wir können erleben, dass das mehr und mehr Realität, was oben beschrieben wurde – je mehr wir herausfordern, uns in Seinem, in Gottes Sinne verändern lassen. Kirche ist nicht zuerst Institution. Kirche geschieht. Dort, wo Gott Menschen beruft, sie sich von ihm rufen lassen, bereit sind zu hören, was ER zu sagen hat – und dann konsequent sind und sich darauf einlassen… .

Doch Vorsicht! Zwar ist die Verheißung wunderbar, schön, überwältigend, doch – es könnte tatsächlich spannend werden…

Joseph Mugasa wurde 1962 auf der Flucht geboren. Zu dieser Zeit wurden viele Tutsi aus Ruanda vertrieben. Seine Eltern flohen zunächst nach Uganda. Bei einem reichen Mann versuchten sie Unterschlupf zu finden, was er ihnen aber verweigerte. So musste Josephs Mutter ihn draußen in einer Bananenplantage zur Welt bringen.

Josephs Vater war sehr, sehr arm. Er verließ seine Familie bald, weil er nicht dabei sein wollte, wie sie starb. Joseph und seine Mutter aber starben nicht. Doch Joseph wuchs in einem großen Hass auf: Er konnte seinen Vater nicht lieben, er hasste Ugander, die sie als Flüchtlinge leiden ließen, und er hasste Hutu, die sie des Landes vertrieben hatten.

Als junger Erwachsener wurde Joseph Christ und bekam die Möglichkeit in Tansania Theologie zu studieren. Er sagte: „Das waren alles schöne Worte aber ich war innerlich immer noch tief verletzt.“ So wurde er Pastor einer Kirche von Flüchtlingen in Tansania. Während des Völkermordes in Ruanda 1994 sah er die Tausende von Toten, die den Akagera-Fluss hinunter schwammen. Seine ganze in Ruanda verbliebene Familie kam um und sein Hass auf die Hutu wuchs. Er dachte darüber nach Rache zu üben, selbst als Pastor.

Nach dem Völkermord kehrte er nach Ruanda zurück und begann auch dort als Pastor in einer Kirche zu arbeiten. Er sagte sich: „In meine Kirche kommen mir keine Hutu.“ Die Gemeinde bestand dann aus Überlebenden des Völkermordes und zurückgekehrten Tutsi.

Wenige Jahre später geschah es, dass er an einem Versöhnungsseminar teilnahm, was von Hutu und Tutsi gemeinsam geleitet wurde. Er sträubte sich gegen das, was von dem Hutu-Leiter gesagt wurde. So fing Joseph an ihn auf übelste Weise zu beschimpfen und ihm sehr emotional alles vorzuwerfen, was die Hutu in seinem Leben verbrochen hatten: „Es war, als ob ich Pfeile gegen ihn schießen würde.“ Dann geschah das für ihn das Unerwartete: Nach all den Beleidigungen kam keine gleichwertige Antwort, sondern dem Hutu-Leiter des Seminars liefen die Tränen herunter. Er kam zu Joseph, warf sich zu seinen Füßen und bat ihn inständig um Vergebung für das, was Hutu in Josephs Leben angerichtet hatten. Dieses Erlebnis veränderte Joseph: „Dieser Hutu hat mir geholfen meine Wunden zu heilen. Bis dahin habe ich alle Hutu als Mörder angesehen; jetzt kann ich sie annehmen.“ Joseph konnte all seine Bitterkeit loslassen und die Kraft finden tatsächlich und tiefgehend zu vergeben. Sein Schluss war: „Die Tutsi brauchen die Hutu um zu heilen, und die Hutu brauchen für die Heilung ihrer Wunden die Tutsi.“

Mittlerweile besteht seine Gemeinde sowohl aus Tutsi und Hutu. Aber ein weiterer Ausdruck der tiefen Veränderung in Joseph war, dass er wenig später ein Hutu-Mädchen adoptierte. Ihr Vater saß wegen seiner Beteiligung am Völkermord im Gefängnis; sie hatte niemanden, der sich um sie kümmern konnte. Joseph nahm sie in seine Familie auf und liebte sie wie seine eigene Tochter. Nun ist sie verheiratet, und Joseph konnte sie bei der Hochzeit sogar als Brautvater zur Kirche führen.

Darüber hinaus hilft dieses Lebenszeugnis – nicht nur aus Worten sondern eben Taten – vielen anderen Menschen Heilung zu finden und zu vergeben.

Hoffnung

Auf der Expo im Jahr 2000 in Hannover gab es ein Gebäude, was einem großen Wal nachempfunden war. Es wurde „Pavillon der Hoffnung“ genannt und war bekanntlich der Beitrag einiger Christen zur Weltausstellung. Scheinbar gab es gute Gründe dafür „Hoffnung“ als Aufhänger zu verwenden um auf die christliche Botschaft hinzuweisen.

Hoffnung ist das, was Christen antreibt. Was ihnen Kraft gibt und Mut, auch und gerade in schwierigen, scheinbar hoffnungslosen Situationen. Sie ist das, was durch den Glauben an Jesus Christus ausgelöst wird.

Doch woraus besteht diese Hoffnung? Ist es lediglich die Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles aus ist? Ja und nein. Ja – weil seit Ostern der Tod, der bis dahin alles begrenzt hatte, nun nicht mehr dieses absolute Limit darstellt, wie ich gleich noch ausführen werde. Nein – weil das „lediglich“ in diesem Satz fehl am Platz ist. Und weil dieser Satz oft falsch verstanden wird. Wenn mit dem Tod nicht alles aus ist, heißt das nicht nur, dass es – das Leben – irgendwie weitergeht, wenn wir einmal gestorben sind. Nur darauf zu hoffen wäre gewagt und, wie mir scheint, auch nicht an sich erstrebenswert, denn – wie das Leben nach dem Tod weitergeht, darüber sagt diese Hoffnung zunächst einmal nichts aus.

Dass mit dem Tod nicht alles aus ist, bedeutet natürlich, dass unser Leben nach seinem Ende weitergeht. Wir sehen unserer Hoffnung darauf darin begründet, dass Jesus als erster nicht tot geblieben, sondern vielen Augenzeugen zufolge wieder lebendig geworden ist. Aber die Hoffnung richtet sich nicht so sehr auf die Tatsache, dass „das Leben weiter geht“ sondern auf das Ziel, was Gott damit verfolgt. Gott will Gutes schenken, auch „Heil“ oder „Wiederherstellung“ genannt. Elend in unserer Welt, Krankheit, Leiden, auch unser „normales“ Leben – letztendlich führt alles zum Tod, auch wenn es vielleicht zeitweilige Besserungen oder auch richtig geniale Zeiten gibt. Der Tod ist die Grenze, bis dahin und nicht weiter. Dann hat das Leiden ein Ende aber auch das Glück – oder?

Doch der Bibel entnehmen wir, dass Gott Besserung verheißt, und zwar dauerhaft. Als Jesus durch das damalige Palästina wanderte, predigte er immer wieder über die „Königsherrschaft Gottes“, die gekommen sei. In vielen Parabeln sprach er über den Charakter „seines Reiches“ und stellte dabei heraus, dass es unter ihnen, seinen Nachfolgern, schon begonnen habe. Dort, in der Gemeinschaft der Nachfolger Jesu, käme endlich zum Tragen, wie Gott sich die Welt vorgestellt hatte. Menschen werden heil, Kranke gesund, Gerechtigkeit wird geschaffen und Friede kehrt ein. Das heißt ewiges Leben, welches auch mit dem Tod nicht aufhört.

Hier auf der Erde schon dürfen wir es erleben, ansatzweise. Kirche ist die Gemeinschaft der Nachfolger von Jesus Christus. Hier können wir sehen, was es heißt befreit zu leben, Liebe einzuüben, zu vergeben und Vergebung zu empfangen, zu scheitern aber immer wieder aufzustehen, weiterzugehen. Diese Ansätze sind beeindruckend, mutmachend, appetitanregend, so dass wir voll Hoffnung und Vorfreude darauf sind, dass dann, wenn dieses Leben einmal vorbei ist, ein neues beginnen wird, in dem zur Vollendung kommt, was sich hier schon hoffnungsvoll ankündigt.

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